Reale Einblicke und gewagte Ausblicke

Zum Themenblock 3 des SOOC möchte ich einen kleinen Einblick in die Praxis geben und einen mutigen Ausblick in die Zukunft wagen.

Ein (subjektiver) Blick in die Berufsschule

Der praktische Einsatz von OER ist bisher (in meiner persönlichen Wahrnehmung, ich lass mich da gern eines Besseren belehren) eher mäßig verbreitet. Ich möchte einmal kurz aus der Berufsschule berichten.

Eines Morgens im Dezember 2012 erreiche ich das Berufsschulzentrum für Wirtschaft und Gastronomie in einer Musterstadt in Sachsen. Der erste Blick ins Lehrerzimmer lässt erahnen: Hier dominieren Over-Head-Folien (oder „Polylux“ wie wir im Osten zu sagen pflegen) und Kreidestaub die Mediendiaktik des Unterrichts. Die erste Hospitationsstunde naht: „Nehmen Sie mal bitte die Arbeitsblätter mit“ fordert mich meine Mentorin auf. Ein Blick auf die Kopiervorlage lässt mich erschaudern: schwarze, ausgefranste Kopierränder, kaum lesbare Schriftgröße, fehlende Zeilen am unteren Rand. Naja, die Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler soll ja auch geschult werden…. In der Klasse kommen dann Over-Head-Projektor, eine leere Folie samt Foliestift zum Einsatz. Bei jedem dritten Satz, geht eine der Schülerhände hoch: „was heißt das?“ oder „noch nicht hochschieben, ich muss noch fertig abschreiben?“ oder „Sie stehen im Bild!“. Ich vermerke in meinem Hospitationsprotokoll: „Niemals Folien auf dem Polylux beschreiben, lieber Tafel nutzen“. Die Tafel kann heute erst genutzt werden, nachdem ein Schüler das Tafelbild der letzten Stunde beseitigt hat. Die ersten 10 Minuten der Stunde gehen also für das Tafelwischen drauf.

Nun sind  wir fast am Ende der Stunde angelangt: Zusammenfassend soll noch ein Text im Lehrbuch gelesen und die Aufgabe dazu bearbeitet werden. Nach ca. 7 Minuten des Durchtauschens der vorhandenen Lehrbücher hat dann wenigstens jeder Tisch ein Exemplar. Notizen im Buch oder Anmerkungen zum Text sind natürlich nicht denkbar.

Geschafft: Eine Stunde zum Thema „Zubereitung von Fischgerichten“ ist vorbei. Medienmix vom Feinsten: Tafel, Overheadprojektor und Lehrbuch kamen zum Einsatz. Nicht zu vergessen natürlich unser hervorragend zu lesendes Arbeitsblatt.

Das ist nun ein Jahr her, ich glaube nicht, dass sich viel verändert hat. Nun möchte ich einmal (ganz kurz, ist schon so viel Text) skizzieren, wie ich mir das in der Zukunft vorstelle.

Der Blick nach vorn

Wie stelle ich mir die Stunde zum Thema „Zubereitung von Fischgerichten“ unter Nutzung digitaler Medien und OER vor?

Mein Blick ins Lehrerzimmer: Schreibtische mit Laptop, ein rollbarer Schrank mit automatischen iPad-Lade-Docks, Steckdosen überall. Und sonst? Nichts. Das aufgeräumteste Lehrerzimmer, das ich mir vorstellen kann. Keine Papierberge mit Klausuren, Arbeitsblättern und Elternbriefen. Keine riesigen, vollgestopften Bücherregale.

Auf dem Weg in die Klasse sagt meine Mentorin zu mir: „Heute brauchen wir keine Tablets für die Schülerinnen und Schüler mitnehmen, denn alle haben ihr eigenes.“ (ja, sie gendert!) In der Klasse steht ein interaktives Whiteboard, WLAN gibt es sowieso. Im Unterricht werden Videos auf Youtube angeschaut: Wie filettiere ich die Forelle? Über die Kommentarfunktion werden auch kritische Anmerkungen zu den Arbeitsschritten direkt ins Netz gepostet. Kurze Lehrervorträge werden mit Anschauungsmaterial und interaktiven Grafiken unterstützt. Mitgeschrieben wird direkt auf dem Tablet.

Ein zusammenfassender Lehrbuchtext: Brauchen wir heute nicht. Die Schülerinnen und Schüler loggen sich ins Lernmanagementsystem ein und generieren kleine Wissensfragen, teilen sie untereinander und beantworten die Fragen. Lernen durch Lehren. Die Fragen werden natürlich auch gleich automatisch CC-BY lizenziert und auf die Edutags Plattform hochgeladen. Beste Voraussetzungen für den nächsten Jahrgang – und für die Welt, die sich mit der „Zubereitung von Fischgerichten“ befassen möchte. Eine Unterrichtsstunde, viele offene Lernressourchen genutzt, erstellt und weitergegeben.

Eure Andrea