Impulsbeitrag: Verträgt sich Learning Analytics mit der Uni?

Was ich am meisten an der Uni mag, ist die Freiheit, die ich als Student habe. Klar muss ich meine Prüfungsleistungen in einem gewissen Zeitraum bringen, natürlich muss ich auch mal was machen, auf das ich überhaupt keine Lust habe. Aber ich kann selbst entscheiden, ob ich lieber auf eine Tagung fahre oder ein Projekt vorbereite, statt in mein Seminar zu gehen. Ich könnte in dieser Zeit genauso gut schlafen (Seminare am Montagmorgen sind aber auch besonders fies!) oder mit meinen Freunden mensen gehen (in der 3. DS knurrt eben mein Magen!). Das mache ich auch – ziemlich oft sogar. Warum auch nicht? Die Uni lässt mir die Freiheit, selbst einzuschätzen, ob ich mein Studium auch packe, wenn ich manche Stunden ausfallen lasse oder meine Texte nicht pünktlich lese. Manchmal muss man eben auch in einem ungeliebten Seminar ein Referat halten – dann reiße ich das eben ab und reduziere meine Anwesenheit im Kurs ansonsten drastisch. In der Regel merkt das der Dozent nicht: mein Glück. In den Kursen hingegen, die mich inhaltlich begeistern, bin ich mit Feuereifer dabei, lese mehr als nötig, diskutiere in jeder Sitzung mit. Das führt vielleicht dazu, dass dem Dozenten mein Gesicht bekannt vorkommt – erfasst wird meine Leistung aber nirgends. Am Ende halte ich in beiden Seminar-Typen ein Referat oder schreibe eine Seminararbeit und die Noten laufen aufs Gleiche raus, egal, wie sehr ich mich vorher im Seminar eingebracht habe.

Wäre es nicht viel besser, wenn meine Dozenten quasi minutiös meine Leistung erfassen könnten? Im Real Life sähe das vielleicht so aus: Eine Art Scanner misst jederzeit den Aufmerksamkeitsgrad der Studenten. Dieser Scanner registriert meine Anwesenheit, ob ich mitschreibe, nach vorne – und nicht auf mein Smartphone – gucke und was und wie viel ich genau sage. Der Dozent kann auf dieser Basis eine möglichst gerechte Note bilden. Gleichzeitig habe ich auch mehr Druck – denn ich weiß ja: Jetzt zählt jede Wortmeldung. Ich komme vielleicht regelmäßiger ins Seminar, weil allein schon meine Anwesenheit „Bonuspunkte“ gibt. Klingt nach Zukunftsmusik? Für Online-Kurse ist es zumindest schon Wirklichkeit: Digital vernetze Lernprozesse können durch verschiedene Verfahren und Werkzeuge genau beobachtet und analysiert werden. Der Trend zu „Learning Analytics“ geht nach oben.

image.phpMacht Learning Analytics die studentische Freiheit kaputt?
„Waiting by the computer“
by Frits Ahlefeldt, HikingArtist (CC-BY-NC-ND)

Ich halte diese Entwicklung – zumindest an Universitäten – für problematisch. Würde jeder meiner Lernfortschritte nachvollziehbar sein, hätte das auf den ersten Blick zwar unbestreitbare Vorteile (Leistungen werden sichtbarer und können gerechter bewertet werden – bspw. könnte die Entwicklung statt der reinen Zielerreichung mehr zählen), auf der anderen Seite verschult es das System. Die Uni wäre kein Ort mehr für Freigeister, sie würde nicht mehr zur Selbstständigkeit erziehen, sondern Studenten nur noch mehr in Strukturen und Formen pressen. Ein offener Online-Kurs wie der SOOC wäre nichts mehr zum „Andersdenken“, denn – ob bewusst oder unbewusst – würden wir Tutoren immer wieder danach schauen, wer wie viel Zeit in den Kurs investiert hat. Studenten hätten vermutlich auch das Gefühl, sich nur noch unter Beobachtung entwickeln zu dürfen. Und: Es wäre weder eine gute Lösung für besonders schwache, noch für besonders starke Lerner. Schwache Lerner müssten übermäßig viel Zeit investieren, um Fortschritte zu machen und es wäre für den Dozenten stets sichtbar, dass sie hinterherhinken – auf der einen Seite kann der Dozent dem schwachen Lerner dann vielleicht auch konkretere Hilfestellungen geben, auf der anderen Seite bekäme der schwache Lerner bspw. eine komplizierte Seminararbeit in einem regulären Kurs auch mit viel Zeitaufwand selbst hin, hat dadurch selbst gelernt, sich mit komplizierten Sachverhalten auseinanderzusetzen und der Dozent hat ihn bei der Bewertung nicht schon als „schwach“ auf dem Schirm; starke Lerner würden ihre Energie vielleicht lieber in zusätzliche Projekte stecken, müssten aber trotzdem regelmäßig aktiv sein, um für den Dozenten „sichtbar“ zu bleiben.

Ein anderer Punkt wäre auch beim Einsatz von Learning Analytics ein möglichst faires Bewertungssystem. Könnte man jetzt einfach Noten nach persönlicher Entwicklung vergeben? Auch dann wären sowohl der extrem schwache Lerner (entwickelt sich zu langsam/zu wenig) als auch der starke Lerner (kann sich im einzelnen Kurs evtl. nicht mehr viel entwickeln) benachteiligt. Und zuletzt: Was würde überhaupt mit diesen Daten, meinen „Lernfortschritten“, passieren? Wer garantiert mir denn, dass die nur der Dozent zu Gesicht bekommt – gerade im Rahmen der aktuellen Datenschutz-Diskussion?

Bin ich da paranoid – oder hättet ihr auch ein ungutes Gefühl beim regulären Einsatz von Learning Analytics?